Bregenz – Zugegeben, sie macht Spaß, die aktuelle Ausstellung im Bregenzer Kunsthaus. Bis zum 25. Mai noch sind Werke von Precious Okoyomon, einer nigerianischen-US-amerikanischen Künstlerin, zu sehen. Doch nach dem Besuch bleibt das Gegenteil von dem hängen, was die Künstlerin will.

Precious Okoyomon, geboren 1993 in London, dort und in Ohio in den USA aufgewachsen, hat in vielen hochrenommierten Museen und Galerien Europas und Nordamerikas ausgestellt. Sie gehört in ihren jungen Jahren schon zur Spitzenklasse. Für das Kunsthaus hat sie Arbeiten entworfen, die den Menschen laut Ausstellungsbroschüre mit seinen Träumen und seiner Menschlichkeit konfrontieren sollen. Die Ausstellung trägt den Titel: „One either loves oneself or knows oneself.“ (Entweder man liebt sich oder man kennt sich.)

Der Widerspruch, dass man sich entweder selbst gut kenne – mit allen Fehlern und Unebenheiten der Persönlichkeit – und deshalb gar nicht lieben könnte. Oder nur deshalb lieben könne, wenn man kein ausgeprägtes Verständnis der eigenen Persönlichkeit habe. Dieser Widerspruch ist ein Dauerbrenner und die Basisfrage in jedem Selbstoptimierungsbuch – egal ob Esoterik oder Psychologie draufsteht: Wie schaffe ich es, trotz allem, mich selbst zu lieben?

So beginnt die Ausstellung auch mit zwei liebevoll nostalgisch arbeitszimmermäßig eingerichteten Kämmerchen, in denen man psychotherapeutische Erfahrungen machen kann. Entweder mit einer Psychoanalyse oder mit einem Mal-Deine-Fantasie-Anhand-Eines-Fragebogens-Bausatz. Die psychoanalytische Kammer war wegen großer Besucherzahl an diesem Tage dauerbelegt, also kann ich leider wenig dazu sagen.

Bei dem Fragebogen-Spiel habe ich mitgemacht, zwei hübsche Bildchen gemalt, fünf Fragen zu meinem Befinden beantwortet, aber dann leider nur das Gefühl mitgenommen, dass meine Kreativität und Offenheit weniger für meine eigene Selbstreflexion dienen sollen, sondern mehr als Fundament für die nächste Ausstellung der Künstlerin. Man erteilt im Fragebogen nämlich gleich das Einverständnis für die Verarbeitung in einer zukünftigen Ausstellung. Für die Buntstiftmalerei und die Antworten gibt es also kein Feedback, sondern nur das Gefühl, dass man mitmachen darf in der Hoffnung, irgendwann selbst ausgestellt zu werden. Und leider ist das auch das Gefühl, das sich dann auch ein paar Tage später manifestiert hat.

Der nächste Teil der Ausstellung zeigt Plüschtiere. Das triggert natürlich das Kind in uns. Ja, das Bedürfnis aus Kindheitstagen, die Kuscheltiere in den Arm zu nehmen, wird reaktiviert. Die kleinen „Mischwesen“, wie es heißt, die da von der Decke hängen und minimal motorisiert hin und her schwingen, entfachen eine Sogwirkung. Wären da nicht diese ziemlich unkuscheligen, echten Federn angebracht, die einen leichten Horrorschauer über die Haut gehen lassen. Okoyomon sammelt Kuscheltiere, nimmt sie auseinander und setzt sie einmal durchgewechselt wieder zusammen. Das Ergebnis kann niedlich, aber auch schrecklich sein. Spaß macht es tatsächlich, jedes einzelne Tierchen zu analysieren.

Eine Etage weiter dann der riesige Teddybär, auf den man sich setzen darf, wenn man vorsichtig ist. Und wie man auch aus Kindheitstagen kennt: Den Teppich nicht mit Schuhen betreten! Auch das katapultiert einen in die Kindheitstage zurück. Im Gegensatz zu den liebevoll inszenierten Kämmerchen zu Beginn der Ausstellung liegt der Teddybär aber inmitten der nackten Betonwände des Kunsthauses. Das wirkt kalt, distanziert und laborhaft, als würde – wie in einem alten Hollywoodfilm – eine Psychologenschar hinter einer verspiegelten Glasscheibe sitzen, um zu beobachten, was die Kinderchen mit dem Teddybär so alles veranstalten. Doch auch wenn der Teddy durch seine schiere Größe besticht, einen Impuls, mich mit ihm oder mir selbst zu beschäftigen, löst er bei mir jedenfalls nicht aus, weshalb ich nur kurz in diesem Stockwerk bleibe.

Tja, und dann kommt eine Schmetterlingsinstallation: ein abgeschirmter und feuchtwarmer Bereich, in dem Falter brüten, schlüpfen, flattern, sich paaren und irgendwann sterben – ein fortwährender Kreislauf. Nebenan, an die Wand projiziert, sieht man die Künstlerin in ihrem eigenen Kleinflugzeug eine Runde über den Hudson River drehen. Eigens für die Ausstellung produziert, soll der Film ein Gefühl von Grenzenlosigkeit und Freiheit vermitteln.

Und da muss ich nun sagen, das funktioniert für mich leider gar nicht. Der Film ist abgegrenzt, man sieht die Bilder nur durch ein Netz hindurch. Die Falter daneben sind ziemlich deutlich eingesperrt in einer kleinen, unwirklichen Welt. Anstelle von Freiheit empfinde ich nur Enge. Und leider empfinde ich den Gedanken intellektuell auch nicht ausgereift. Die Kunst des Fliegens ist einer sehr kleinen Minderheit der Menschheit vorbehalten, die erstens die zeitlichen und zweitens die monetären Ressourcen dafür hat, es erlernen und auch praktizieren zu können. Gerade das Fliegen, in jedweder Form, ist immer ein Privileg des wohlhabenden Teils der Menschheit.

Bei einem Film, der die Künstlerin auch noch selbst am Steuer zeigt, erzeugt bei mir überhaupt keine Freiheitsempfindung. Nein, im Gegenteil. Es erzeugt Enttäuschung. Enttäuschung darüber, wie unsensibel man in dieser Weltlage sein kann, in der Europa über Lufthoheiten spricht und wir alle aus den Nachrichten lernen, dass militärische Überlegenheit mit der Dominanz eines Luftraums zusammenhängt. Ja, das Fliegen war einst ein Symbol der Freiheit. Das gilt aber nur für Friedenszeiten. In Zeiten des Krieges ist es für mich aber das Gegenteil: das Symbol der Tyrannei.

Sie macht Spaß, die aktuelle Ausstellung des Bregenzer Kunsthauses, und der Besuch lohnt sich. Aber in der Gegenwart, in der wir leben, will sich die Intention der Künstlerin nicht wirklich entfalten. Eher im Gegenteil. Den Besucherinnen und Besuchern empfehle ich ausreichend Mut, sich ehrlich mit den eigenen Gedanken zu beschäftigen, auch wenn sie in eine andere Richtung gehen als gedacht. Dieser Eigenwille mag ein unebener Teil meiner Persönlichkeit sein. Aber ich habe gelernt, ihn zu lieben.

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